Arnim Schneider

Ausreden in Zeiten der Klimakrise aus Sicht eines Psychiaters und

Freimaurers

Gästeabend am 25.4.24

Der sehr gut besuchte Vortrag zum außerordentlichen Gästeabend „Aber, aber, aber …: Ausreden in Zeiten der Klimakrise aus Sicht eines Psychiaters und Freimaurers“ unseres Bruders Dr. Luc Turmes befasste sich mit dem Thema Klimakrise aus letztlich drei unterschiedlichen Perspektiven. 

Dr. Luc Turmes

Zunächst wurde eine bedeutende freimaurerische Sicht anhand der Forschungsergebnisse der Forschungsloge Quatuor Coronati beleuchtet am Beispiel des Aufsatzes „Alte Pflichten – Neue Pflichten“ des Freimaurers Hans-Hermann Höhmann, einem der bedeutenden Vordenker unserer Großloge, dargestellt. Noch deutlicher war Bruder Helmut Reinalter geworden, der neben vielen Anpassungen der „Alten Pflichten“ unter anderem auch die Bekämpfung der Klimakrise fordert. Der Aufsatz geht mit den in ihm postulierten Modifikationen noch erheblich weiter und bezieht viele Aufgaben zur Wahrung der Menschenwürde in seinen Katalog mit ein.

Im zweiten Teil widmete sich Dr. Turmes dem Forschungsstand der Psychiatrie und Psychologie zu den Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Psyche des Menschen. Nach aktuellem For-schungsstand führt das Ansteigen der Temperatur um 2° Celsius zu zusätzlich 525 Millionen Menschen mit moderater bis schwerer Ernährungsunsicherheit.

Gleichzeitig bedeutet jedes Grad Temperaturanstieg ein Wachstum von 1% an schweren psychiatrischen Erkrankungen. Für Deutschland mit einem Anstieg von derzeit 2°C bedeutet das eine Zunahme von 1,6 Millionen psychischen Erkrankungen.

Den dritten Teil bildeten dann unsere tagtäglichen Ausreden. Den meisten der anwesenden Brüder und Gäste kamen sicherlich einige davon aus der eigenen Gedankenwelt bekannt vor. Sie reichen von: „Aber ich esse doch nur Bio…“ über das „Zweifeln an der Wissenschaft“, die Schuldverlagerung auf die wachsende Weltbevölkerung bis hin zu unseren persönlichen Vorlieben wie Rauchen oder Reisen.

Alle hier aufgeführten Argumente führten zu einer langen, durchaus auch kontroversen Diskussion.

Ein sehr gelungener Abend!

Axel Pohlmann, Alt-Großmeister der Großloge A.F.u.A.M.v.D. und Alt-Stuhlmeister der Loge Zur alten Linde

Zusammenfassung:

Die Freimaurerei entstand 1717 in einer religiös geprägten, aber vergleichsweise offenen Gesellschaft. Die „Religion, in der alle Menschen übereinstimmen“ ist sie selbst nicht, aber sie stiftet an, danach zu suchen. Ein gewisses religiöses Gefühl braucht der Freimaurer, doch die Freimaurerei ist keine Religion und auch keine religiöse Geheimlehre. Das Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften ist von Missverständnissen über das Selbstverständnis der Freimaurerei geprägt, aber auch von manchen unbedachten Ansprüchen der Freimaurer. Besonders schwer tat sich stets die katholische Kirche; die inoffiziellen Gespräche der letzten Jahre lassen aber auf Toleranz auch aus dieser Richtung hoffen. Der „Große Baumeister“ wird vielleicht noch zum Symbol, unter dem christliche wie islamische Minderheiten und wenig gläubige Mehrheiten sich treffen können.

„Die“ Freimaurerei gibt es – leider oder Gott sei Dank – nicht. 

Die Freimaurer sind lokal in Logen, national in Großlogen organisiert. Eine internationale Organisation existiert nicht. 

Es gibt drei Großlogen-Familien: 

  • die anglo-amerikanische Freimaurerei, der die große Mehrheit der Frm. in der Welt angehört, einschließlich vier der fünf im deutschen Großlogenverband „VGLvD“ zusammengefassten Großlogen; 
  • die romanische Freimaurerei, beherrscht vom Grand Orient de France, mit einer wesentlich geringeren Mitgliederzahl, aber doch auch weit verbreitet, auch im heutigen Mittel- und Osteuropa, jedoch eine quantité négligeable in Deutschland; 
  • schließlich das schwedische oder skandinavische System, das sich selbst als christliche Freimaurerei sieht, mit einer Verbreitung nur in den skandinavischen Staaten und in Deutschland und deshalb – weltweit betrachtet – mit entsprechend geringen Mitgliederzahlen. 

Die angelsächsische Mainstream-Freimaurerei soll unser Hauptthema sein. Ihr gehört auch die größte deutsche Großloge, die GL AFAMvD an, und zu dieser wiederum die Loge Zur alten Linde in Dortmund. 

Diese Mainstream-Frm ist durch ein klares Gebot und ein ebenso klares Verbot gekennzeichnet: 

  • Das Gebot lautet: Großloge und Loge müssen von ihrem Mitglied verlangen, dass es an den Großen Baumeister aller Welten (The Grand Architect of the Universe) glaubt (must profess a belief in…).
  • Das Verbot lautet: Politische und religiöse Streitfragen dürfen in der Loge nicht diskutiert werden, weil daraus, wie es die „Alten Pflichten“ formulieren, noch nie etwas Gutes entstanden ist. 

Freimaurerei ist keine Religion und kein Religionsersatz. Der Meister vom Stuhl ist kein Priester, es gibt keine heiligen Bücher und keine Propheten. Wenn die Freimaurerei den Glauben an den Großen Baumeister verlangt, ist das eine recht farblose und nie genauer hinterfragte Voraussetzung; dieser Große Baumeister kann Gott sein, aber das Symbol kann bis auf ein nur „göttliches Wirken“ reduziert werden. Die Verfassung unserer Großloge sagt:

Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden; sie bilden keine Glaubensgemeinschaft.

Sie sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dieses alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.

Die österreichische Großloge umschreibt den Großen Baumeister aller Welten als Symbol für „die schöpferische, uns Menschen unerforschliche Wesenheit“ im „Mittelpunkt des Kreislaufes“, um den sich „alles Leben bewegt“.

Foto: Juliane Herrmann (2016)

Dieser Kultus der Freimaurer hat viele Elemente aus der Bibel – dem Alten wie dem Neuen Testament – übernommen. Obwohl die Freimaurerei weder eine Religion ist, noch ein Religionsersatz sein will, obwohl sie es ausschließlich ihren Mitgliedern überlässt, welchen Weg zu Gott sie nehmen, obwohl die Freimaurerei sich mit dem Diesseits befasst und keine Gnadenmittel, keine Sakramente, Weihen oder Verpflichtungen hat – obwohl das alles so ist, gerät sie immer wieder in den Verdacht, eben doch eine religiöse Sekte zu sein, weil sie einen Formen- und Vokabelschatz benutzt, der manche Deckungsgleichheit mit dem der Kirchen aufweist.

So gehört z.B. die blaue Farbe zur Freimaurerei wie die rote zum Sozialismus; es liegt nahe, sie mit jüdischen Vorbildern zu identifizieren – aber die Farbe ist die des Himmels. Die Bibel liegt auf einem Altar im Tempel – drei religiös aufgeladene Begriffe. Aber die Bibel kann auch durch ein anderes „heiliges Buch“ ersetzt werden; sie erinnert den Freimaurer daran, dass er – er persönlich, subjektiv und für sich – eine geordnete Verfassung der Welt anerkennen soll (deshalb das „Buch des heiligen Gesetzes“), dass er eine – irgendeine – religiöse Einstellung haben soll. 

Der Altar dient nicht der Verehrung Gottes, er sieht auch nicht etwa nachgeäffte kirchliche Rituale, sondern ist ein Tisch, auf dem die „Drei Großen Lichter“ der Freimaurerei liegen – Bibel, Winkelmaß, Zirkel – und vor dem Aufnahme, Beförderung und Erhebung in die drei Grade vollzogen werden. Dabei wird der „Große Baumeister aller Welten“ angerufen, und wer mag, kann natürlich hineinlegen, dass es sich um eine Anrufung Gottes handelt. 

Foto: Juliane Herrmann (2016)
Temple of „Zur Alten Linde“, Dortmund, 2016

Foto: Juliane Herrmann 

Der Begriff „Tempel“ ist wohl durch die französischen reformierten réfugiés in England in die Freimaurerei eingebracht worden; in Frankreich werden ja auch heute die protestantischen Gotteshäuser als „temple“ bezeichnet. Der Tempelraum ist aber kein geweihter Raum; er kann überall installiert werden, auch im Hinterzimmer einer Kneipe. Zum Tempel, zu einem „fanum“, einem Heiligtum im Gegensatz zum profanum, wird der Raum nur während der Zeit des Rituals und durch dieses Ritual, indem die Worte des Rituals räumliche Grenzen ziehen – denn nur ein Freimaurer darf ihn währenddessen betreten – und zeitliche Grenzen, denn das Ritual vollzieht sich in einer imaginierten Zeit, zwischen Hochmittag (high noon) und Hochmitternacht.

Wenn ich solche symbolisch aufgeladenen Begriffe aus unserem Ritual verwende, könnte das täuschen über den eigentlichen Inhalt der Freimaurerei.

Das Ziel der Maurerei ist die innere Wandlung und geistige Entfaltung des Menschen.

So sagt es der Meister vom Stuhl in unserem Ritual. Das Ritual sagt es auch noch einmal mit einem Bild: der Mensch ist der raue Stein; indem er in eine Form gebracht wird – freimaurerisch aber: sich selbst in eine Form bringt -, je nach der Form, die in ihm angelegt ist, wird er zu einem Stein im Tempelbau der Menschheit, bringt er sich ein in die Menschheit. Indem er selbst an sich arbeitet, arbeitet er zugleich für die Gemeinschaft. Die Freimaurerei ist eine Tochter der Aufklärung, ihre wesentlichen geistigen Impulse, ihr Anliegen stammen aus dieser Zeit. 

Was ich gerade gesagt habe, ist wahr – aber unvollständig. Denn als die Freimaurerei die Grenzen des heutigen Großbritannien verließ, war sie zwar Herberge für Aufklärer, wurde aber zugleich auch attraktiv für Männer, die der Esoterik, dem Irrationalen, der Romantik zuneigten. Das Stichwort „Esoterik“ ist heute allenthalben zu hören, oft zusammen mit dem Stichwort „Patchwork-Religion“. Es nervt die Kirchen genauso wie uns Freimaurer, denn es wird heute zu einer ungenauen Sammelbezeichnung für New Age, weiße Hexen, Rudolf Steiners Anthroposophen, Hildegard von Bingen, Buddhismus etc. Esoterik und Patchwork antworten, schreibt ein evg. Pfarrer, auf Ermüdungserscheinungen rationaler Weltbewältigung; sie zielen auf außergewöhnliche Erfahrungen der Ergriffenheit, Kommunikation mit dem Göttlichen, Selbstfindung, Körpererfahrung, Erleuchtung.

Nun läuft die Freimaurerei durch ihre offene Symbolik und ihr Verfahren der bloßen Andeutung und Anleitung immer die Gefahr, als Geheimlehre verstanden zu werden, so als gäbe es eine über Hunderte von Generationen überlieferte Weltkunde, die über aller Wissenschaft stehe, womöglich mit dem Schlüssel zur Beherrschung von Körper, Geist und Seele. 

Die Freimaurerei hat aber tatsächlich nichts dergleichen als Inhalt. Zweifellos weisen manche Symbole die Spuren der Alchemie, des Rosenkreuzertums, der Mystik auf. Der Erfolg der Freimaurerei beruht ja gerade darauf, dass sie nicht darin besteht, die Volkshochschule einer Philosophie der Aufklärung zu sein, sondern mit ihrer Symbolik und ihrem Ritual ihren geistigen Gehalt sinnlich nahezubringen. Sie versucht, die Vernunft und das Gefühl anzusprechen. Sie will den Handlungsauftrag ihrer Ideale – Menschenliebe, Toleranz, Brüderlichkeit – sinnfällig machen.

Zurück zum Ritual:

Wir benutzen im Ritual einige universelle Bezeichnungen und Symbole, aus dem Bauhandwerk – Winkelmaß, Lot, Schnur, rauer Stein, behauener Stein – und aus älteren Schichten der menschlichen Kulturgeschichte – Knoten, Sonne, Sterne -, aber auch einige aus abendländisch-jüdisch-christlicher Tradition, wie die Säulen, einige hebräische oder quasi-hebräische Losungswörter, vor allem aber die Bilder des Bauens, wie den Salomonischen Tempel als Sinnbild der Menschheit. 

Ich erinnere an die Verhältnisse in den USA: Obwohl die USA eine strikte Trennung von Kirche und Staat beobachten, ist doch die Bezugnahme auf Gott allgegenwärtig, beginnend mit dem Auge im Dreieck auf den Dollarscheinen, der Devise „In God we trust“ und endend mit der unvermeidlichen Anwesenheit eines „chaplain“ bei fast allen geselligen Vereinigungen. Aber das ist keine Religionsausübung, auch kein Religionsersatz, sondern die ständige Anwesenheit eines religiösen Gefühls. Es ist, wie die Schriftstellerin Susan Sontag bei ihrer Paulskirchen-Ansprache 2003 sagte, nicht Religion, sondern Religiosität

Im berühmten Artikel I der „Alten Pflichten“ von 1723, dem Grundgesetz der 1717 gegründeten Großloge, heißt es:

Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen…. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.

Die Alten Pflichten von 1723

Was genau Anderson, der presbyterianische Pfarrer aus Schottland, mit diesen Worten meinte, ist, wie vieles in der Freimaurerei, eine Auslegungsfrage. Es könnte gut sein, dass seine Worte weniger ein Freibrief, als vielmehr eine Begrenzung waren – es ist möglich, dass man befürchtete, die frühen Logen könnten unter den Einfluss radikaler Aufklärer wie Toland geraten, von Männern, die man „Pantheisten“ nannte, die aber tatsächlich eher Materialisten und Atheisten waren. Der „Spinozismus“ ging in Europa um, das pantheistische und individualistische Schreckgespenst. 

Jedenfalls aber gehört dieses Stück freimaurerischer Ideologie in die Zeitströmung, die Rousseau in einem Brief an Voltaire später charakterisierte mit den Worten: „Das Dogma ist nichts, die Moral ist alles.“ Die Religion wird um das Jahr 1700 von der Grundlage der Pflichten des Menschen zum Objekt der Forschung. Bürgerliche Tugenden traten in den Vordergrund, die Religion wurde zur Frömmigkeit verinnerlicht. Der absolutistische Staat hält die äußerlichen Formen der Religion aufrecht, aber Religion wird Privatsache.

Das Stichwort für den historischen englischen Hintergrund ist übrigens „Latitudinarismus“, von lat. latitudo = Breite, auch als „Broad Church“ bezeichnet – englische Theologen des 17. Jh. blieben zwar bei der Praxis der Church of England, aber sie hielten Dogma, Liturgie und kirchliche Organisation für vergleichsweise unwichtig; Gott geht es um die Moral des einzelnen. Die menschliche Vernunft zusammen mit dem Heiligen Geist ist ausreichend, um die Wahrheit zu finden. Obwohl diese „latitudinarians“ offiziell bekämpft wurden, wurden ihre Gedanken im 18. Jahrhundert in England zur realen Einstellung der Kirche. Verzicht auf Dogma, Erkenntnis durch die Vernunft – das hört sich für den Freimaurer recht heimatlich an. Es ist übrigens noch ein Forschungsthema, wie stark die vielen protestantischen Sekten in England um die Jahrhundertwende 1700 herum die in der Entstehung begriffene Freimaurerei beeinflusst haben. So findet sich in dem aus dem Geist der Quäker stammenden Grundgesetz der Provinz Pennsylvania von 1682 den Grundsatz: Wer Gott als Schöpfer und Herrn der Welt anerkennt und bereit ist, in diesem Land friedlich zu leben, hat die Freiheit, seine Überzeugungen zu haben und nach ihnen zu leben.

In den 1780er Jahren sagte Thomas Jefferson – selbst kein Freimaurer, aber Freund vieler Freimaurer, ein Aufklärer par excellence und Geburtshelfer der ersten wirklichen Demokratie der Welt: 

Wenn mein Nachbar meint, es gebe zwanzig Götter oder es gebe keinen Gott, tut er mir nicht weh. 

Richard Rorty, ein atheistischer Philosoph, sagt dazu: Es ist nicht wesentlich für eine demokratische Gesellschaft, in religiösen Dingen einer Meinung zu sein. Es reicht aus, dass der Theist und der Atheist ein gemeinsames sittliches Vermögen haben. Die Religion ist irrelevant für die Gesellschaftsordnung, aber sie ist relevant für die Vervollkommnung des Individuums. Die Bürger dürfen religiös oder irreligiös sein, sie dürfen nur nicht fanatisch sein. Wenn ihre Meinungen über die letztlich wichtigen Dinge, Dinge, die ihrem Leben vielleicht bisher Sinn und Zweck verliehen, wenn diese Meinungen öffentliche Handlungen nach sich ziehen, die vor den meisten ihrer Mitbürger nicht zu rechtfertigen sind, so müssen sie diese Meinungen aufgeben.

Der Begriff „Toleranz“ taucht an keiner Stelle der „Alten Pflichten“ auf, obwohl er doch jedenfalls in Deutschland zur dreifachen Devise der Frm. gehört – Menschenliebe, Toleranz, Brüderlichkeit. Dennoch durchdringt er die Freimaurerei seit ihrer Entstehung zu Beginn des 18. Jh. Es sind „gewisse Gesellschaften…, in denen sich Menschen aller Religionen und Sekten, wenn sie sich nur einer natürlichen Rechtschaffenheit und Wohlanständigkeit befleißigen, untereinander… verbinden..“ – wie richtigerweise einer der beständigsten Feinde der Freimaurer, die katholische Kirche, 1738 feststellte. 

Thomas Jefferson Public Domain File:Official Presidential portrait of Thomas Jefferson (by Rembrandt Peale, 1800)(cropped).jpg Created: 31 December 1800 Uploaded: 16 September 2018

Quelle: Wikipedia

Das moderne Stichwort dazu heißt: Relativismus, genauer: ontologischer Relativismus – es gibt keine objektive Wahrheit, besser: eine objektive Wahrheit ist für uns Menschen nicht erkennbar. Und der anständige Relativist muss, um sich nicht selbst zu widersprechen, sogar seine eigene Position als möglicherweise falsch ansehen. Ich schließe ein Zitat an, eine Diagnose des Relativismus:

(Der Relativismus) erscheint (nicht) nur als Resignation vor der Unermesslichkeit der Wahrheit, sondern definiert sich auch positiv von den Begriffen der Toleranz, der dialogischen Erkenntnis und der Freiheit her, die durch die Behauptung einer für alle gültigen Wahrheit eingeschränkt würde. Relativismus erscheint so zugleich als die philosophische Grundlage der Demokratie, die eben darauf beruhe, dass niemand in Anspruch nehmen dürfe, den richtigen Weg zu kennen; sie lebe davon, dass alle Wege einander als Bruchstücke des Versuchs zum Besseren hin anerkennen und im Dialog nach Gemeinsamkeit suchen… Ein System der Freiheit müsse seinem Wesen nach ein System sich verständigender relativer Positionen sein, die überdies von geschichtlichen Konstellationen abhängen und neuen Entwicklungen offenstehen müssen. Eine freiheitliche Gesellschaft sei eine relativistische Gesellschaft; nur unter dieser Voraussetzung könne sie frei und vorne hin offen bleiben.

Joseph Kardinal Ratzinger

Der Verfasser, der hier eine exzellente Diagnose des relativistischen – sprich: auch freimaurerischen – Meinens anbietet, fährt allerdings damit fort, dass diese Positionen ihre Berechtigung in der Politik haben, nicht aber im Gebiet der Ethik und der Religion. Geschrieben hat diese Zeilen Joseph Kardinal Ratzinger in „Die Wahrheitsfrage und die Religion“, ursprünglich 1996, noch einmal veröffentlicht 2003 unter dem Titel „Glaube, Wahrheit, Toleranz“ – der Papst, der den Relativismus zum Gegenstand seiner ersten Ansprache auf dem Petersplatz nach seiner Wahl machte.

Papst Benedikt XVI., zuvor Joseph Kardinal Ratzinger

Von Mark Bray – https://www.flickr.com/photos/braydawg/4715789222/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48269505

Quelle: Wikipedia

Da sind wir zugleich an dem entscheidenden Punkt: Natürlich kämpft der Papst gegen den Relativismus im Glauben. Er setzt die für alle erkennbare Wahrheit der Offenbarung Gottes gegen die Meinung, es gebe nur Wahrheiten. Und wer wollte widersprechen, dass, wer die Wahrheit erkannt hat, nach der Wahrheit leben muss? Das ist immerhin eine Kirche nach dem II. Vatikanum – eine Kirche, die anerkennt, dass der Streit der Meinungen und die Suche nach dem Richtigen und Wahren mit Hilfe der Vernunft im Bereich der Politik durchaus eine Berechtigung hat, und in Grenzen auch im Bereich der Religion. In seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ schrieb Papst Benedikt XVI.: 

Der Glaube ist … eine reinigende Kraft für die Vernunft selbst. Er befreit sie von der Perspektive Gottes her von ihren Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst zu sein… Die kath. Soziallehre will nicht der Kirche Macht über den Staat verschaffen; sie will auch nicht Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben zugehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen. Sie will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen und dazu helfen, dass das, was recht ist, jetzt und hier erkannt und dann auch durchgeführt werden kann.

Die katholische Kirche hat schon andere Töne gekannt. Nur 21 Jahre nach der Gründung der Londoner Großloge, also der Freimaurerei als Institution, wie wir sie heute kennen, im Jahr 1738 also, erließ Clemens XI. die Bulle „In eminenti apostolatus specula“. Männer jeder Religions- oder Sektenzugehörigkeit, meinte der Papst, die sich mit dem „Anschein natürlicher Rechtschaffenheit begnügen“, lassen sich in Scharen in die Freimaurerlogen aufnehmen. Was sie tun, ist geheim, der Verrat mit schrecklichen Strafen bedroht; was aber das Licht scheut, kann nicht anders als verbrecherisch sein.

Weitere 19 Bullen, Enzykliken und Apostolische Schreiben später sind wir ein Stück weiter. Die expressis verbis erfolgte Verdammung der Freimaurer im Codex iuris canonici 1917 – Exkommunikation als automatische Kirchenstrafe, Verbot der kirchlichen Beisetzung, Heirat mit einer Katholikin nur mit bischöflicher Erlaubnis – ist in der Neufassung dieses Gesetzbuchs 1983 aufgehoben. Der neue can. 1374 aus dem Jahr 1983 erwähnt die Frm nicht mehr; er stellt die Mitgliedschaft in solchen Vereinigungen unter Strafe, „quae contra Ecclesiam machinatur“ – die gegen die Kirche wühlen. Es gibt keine eo-ipso-Exkommunikation mehr, sondern eine „gerechte Strafe“ und/oder die Sperre vom Gottesdienst. 

Allerdings: der damalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Ratzinger, sorgte dafür, dass einen Tag vor dem Inkrafttreten des neuen c.i.c. eine Klarstellung des Papstes erfolgte, wonach die fehlende Erwähnung der Freimaurer im neuen c.i.c. nichts am negativen Urteil der Kirche über die Freimaurer ändere. Das kam nach jahrelangen Gesprächen zwischen Vertretern der deutschen und österreichischen Freimaurer ebenso hart wie die Erklärung der deutschen Bischofskonferenz im Jahr 1980, die es für unvereinbar erklärt hatte, zugleich Katholik und Freimaurer zu sein. Mittlerweile bestätigte der Vorsitzende der Glaubenskongregation, heute „Dicasterium pro doctrina fidei“, in einem von Papst Franciscus gegengezeichneten Schreiben vom 13.11.2023 das negative Urteil.

Katholische Kirchenrechtler sagen in heutiger Interpretation zur Mitgliedschaft eines Katholiken in einer Freimaurerloge: Das ist keine strafbare Handlung nach dem Kirchenrecht. Es ist allerdings eine schwere Sünde. Jedoch: Kommt ein Katholik bei intensiver Erforschung seines Gewissens zur Auffassung, dass das kirchenamtliche Verbot der Mitgliedschaft (Unvereinbarkeit der gleichzeitigen Zugehörigkeit) falsch ist, wäre diese Gewissensentscheidung von der Kirche zu respektieren.

Die orthodoxen Kirchen stehen der Freimaurerei vom theologischen Ansatz her indifferent gegenüber, in Russland soll eine gewisse Feindseligkeit – wohl im Zusammenhang mit dem russischen Nationalismus – zu spüren sein.

Die große Versammlungshalle (Tempel) der United Grand Lodge of England für 1700 Freimaurer

Die meisten protestantischen Kirchen haben ein entspanntes Verhältnis zur Freimaurerei, mit gelegentlichen Verzerrungen, die oft wohl eher der persönlichen Einstellung eines Kirchenmanns entspringen, und mit Ausnahme der Southern Baptist Conference, die die Freimaurerei als Werkzeug des Teufels sieht. Nach einem Gespräch zwischen Vertretern der Freimaurer und der evg. Kirche stellten die Kirchenvertreter 1973 u.a. fest: „Ein genereller Einwand gegen eine Mitgliedschaft evg. Christen in der Freimaurerei kann nach Meinung der evg. Gesprächsteilnehmer nicht erhoben werden.“ Eines der besten Bücher über Freimaurerei ist das Buch aus der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evg. Kirche von Matthias Pöhlmann „Verschwiegene Männer“.

Und was glaubt der Freimaurer nun wirklich?!

Er glaubt das, was er persönlich, für seine Person, glaubt. Es gibt keine religiöse Überzeugung, die die Loge ihm vorschreibt oder auch nur empfiehlt. Er mag Christ oder Jude sein, Protestant oder Katholik, Muslim oder Hindu, Gläubiger oder Agnostiker – in der Loge kommen die Menschen zusammen, die sonst auf immer getrennt geblieben wären, aber sie geben ihre persönlichen Überzeugungen nicht an der Garderobe der Loge ab. Kein Meister vom Stuhl und kein Großmeister wird ihnen Vorschriften machen – eine einzige ausgenommen, die ich in dem Satz zusammenfassen will, den ich bei einem Vortrag vor katholischen Weltanschauungsbeauftragten sagte: Sie dürfen glauben, dass ich in der Hölle schmoren werde – aber bis es soweit ist, begegnen Sie mir mit Achtung.

Kann die Freimaurerei denn dann nicht eine Stätte der Einigung für Religionen sein? 

Einerseits: In völligem Gegensatz zum Toleranzgedanken steht die Religion, an die wir vor allem denken, wenn wir nach Gemeinsamkeiten suchen: der Islam, der jede historische Interpretation des Koran, jede Relativierung göttlicher Gebote untersagt und sich nicht im Geringsten scheut, die Theokratie durchzusetzen. Der eben schon zitierte Richard Rorty sagt (in „Die Zukunft der Religion“): „Mir erscheint die Vorstellung eines Dialogs mit dem Islam als gegenstandslos. Es gab im 18. Jahrhundert keinen Dialog zwischen den philosophes und dem Vatikan, und es wird keinen zwischen den Mullahs der islamischen Welt und dem Westen geben…“

Was Hans Küng, Träger des Humanitären Preises unserer Großloge 2007, mit dem Parlament der Weltreligionen über 13 Jahre hinweg nicht gelungen ist, mit einer „Erklärung zum Weltethos“, die jeder von uns – und schon gar jeder Freimaurer – unterschreiben kann, das kann den stets verdächtigten Freimaurern erst recht nicht gelingen. Wir werden nicht die Vermittler zwischen den Religionen sein. 

Andererseits: Wir können Vermittler zwischen den Menschen sein, die verschiedenen Religionen angehören, und haben das eigentlich mit gutem Erfolg seit mehr als 300 Jahren getan. Vielleicht wäre es aber noch wichtiger, zwischen gläubigen und ungläubigen Menschen zu vermitteln, denn die Angst vor dem Islamismus verbirgt das auf die Dauer gefährlichere Phänomen des gleichgültigen Unglaubens.

Öffentlicher Vortrag in Dortmund am 3. Februar 2005 von Axel Pohlmann

Ein Geheimnis?

Meine Tochter sagt zu mir: Sag mal, ich sehe Dich ja nun seit meiner frühesten Kindheit zur Loge gehen, schwarzer Anzug, Köfferchen und so, Du hast ja auch davon erzählt, und ich war auch zum Nikolaus da – aber was Ihr da so eigentlich macht, weiß ich bis heute nicht. Und Walter Kempowski schreibt über seinen Vater, den Rostocker Reeder, im Buch „Schöne Aussicht“: „Was er sich nicht nehmen lässt, sind die regelmäßigen Sitzungen der Blücher-Loge, die in der Blücherstraße tagt… Was er dort eigentlich treibt, erfährt man nicht. Spezielle Klopfzeichen sind dort üblich, das hat er mal erzählt: dumm-dummdumm. Mehr hat er nicht gesagt.“ Ein Geheimnis? Einige von Ihnen werden vielleicht an die italienische P2-Loge denken, anderen werden eher reißerische Überschriften einfallen à la „Die Geheimnisse der Zugvögel“. Wir wollen sehen, ob am Ende meines Vortrags das Rätsel größer oder geringer geworden ist.

Ein Rahmen

Bezeichnen wir einen Rahmen: Unsere Loge gehört zur Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, die fast 9.000 Freimaurer zu Mitgliedern hat. Weitere rund 5.000 Freimaurer sind in den übrigen vier deutschen Großlogen organisiert, und zwar mit uns unter dem gemeinsamen Dach der Vereinigten Großlogen von Deutschland. In der ganzen Welt gibt es 3 bis 4 Millionen Männer, die Freimaurer sind. Aber wie Sie schon an der sehr ungenauen Zahl sehen: eine Dachorganisation für die Welt gibt es bei den Freimaurern nicht, nicht einmal eine für Europa. Kommen wir also lieber zurück zu unserer Loge zur alten Linde mit ihren etwas mehr als 100 Mitgliedern. Denn damit habe ich Ihnen, meine Herren, die zu Ihrem und zu unserem Unglück nicht Freimaurer sind, gleich einen kursorischen Überblick über unsere Organisation gegeben, in der die Loge die kleinste organisatorische Einheit ist, aber die wichtigste.

Neben diesen Rahmen, den die Institutionen vorgeben, können wir einen Zeitrahmen halten: Vor etwas mehr als 400 Jahren wird zum ersten Mal eine Freimaurerloge in dem Sinn erwähnt, den wir heute der Freimaurerei beilegen. Vor 287 Jahren entsteht die englische Großloge, vor 267 Jahren die erste, noch heute arbeitende deutsche Loge – unsere Loge in Dortmund ist also schon eine vergleichsweise späte Frucht am Stammbaum der Freimaurerei.

Big Bang – die Ausbreitung der Freimaurerei

Der erste Blick auf die Freimaurerei zeigt also: Sie hat eine lange Geschichte. Weniger nett ausgedrückt: sie ist sehr alt. Das ist aber für eine Institution kein Nachteil: was so lange lebt, kann ja nicht völlig unattraktiv sein.

Die Freimaurerei hat, wie das Weltall, mit einem Urknall, einem big bang, begonnen. 1717, im dritten Jahr der Regierung des Königs Georg I., am Tag Johannes des Täufers: Die Logen aus dem „Goose and Gridiron Alehouse“, aus dem „Crown Alehouse“, aus der „Apple Tree Tavern“ und der „Rummer and Grapes Tavern“ treffen sich zum ersten Mal, konstituieren sich als Großloge, wählen Antony Sayer, Gentleman, zum Großmeister, und beschließen, sich fortan vierteljährlich zu treffen.

Das ist der „Urknall“ – von dieser „Premier Grand Lodge“ geht alles aus, was wir heute unter Freimaurerei verstehen. 8 Jahre später gehören dieser Großloge 64 Logen an, davon 50 in London. Noch in den 1720er Jahren entstehen die Großlogen von Irland und Schottland (wo es eine ähnliche Art der „Maurerei“ schon seit dem 16. Jahrhundert gab), Logengründungen in Paris, Madrid, Gibraltar, Indien und Nordamerika.

1737 wird die erste deutsche Loge in Hamburg gegründet, die noch heute bestehende Loge Absalom zu den 3 Nesseln, die wenig später den Kronprinzen Friedrich von Preußen aufnahm. In England, Irland und Schottland gibt es heute ca. 600.000 Freimaurer, in Frankreich über 100.000, weltweit, wie schon erwähnt, irgendwo zwischen 3 und 4 Millionen. Freimaurer gibt es überall in der Welt, außer in den letzten kommunistischen Staaten (Ausnahme: Cuba) und in den fundamentalistisch ausgerichteten islamischen Staaten.

Bedingungen der Entstehung

Was war das für eine neue Kraft, die sich so rasch ausbreitete, obwohl sie doch eigentlich ihre Existenz geheim hielt? Die äußeren Formen der Logen, ihr Brauchtum, ihre Rituale, haben ihren Ursprung in den Steinmetz-Bruderschaften und Dombauhütten des Mittelalters. Der Begriff „lodge2 taucht schon im 13. Jahrhundert in Urkunden auf – urspr. = Bauhütte, also der Versammlungs- und Arbeitsraum der Bauhandwerker, dann allgemein die Bezeichnung für die Organisation. Der „freemason“, zuerst im 14. Jahrhundert in London erwähnt, ursprünglich wohl „freestone mason“, war der Baumeister, der feine Steinmetzarbeiten verrichten konnte. Es gab keine Architekten: der Baumeister beherrschte die geometrischen Figuren. Die Bauleute sollen große Privilegien gehabt haben. Sie konnten Gilden oder Zünfte bilden, verfügten über eine eigene Berufsordnung, sie konnten ungehindert reisen. Sie schützten ihre Sonderrechte gegenüber Außenstehenden und kontrollierten die Weitergabe ihrer Kenntnisse. Daher bedienten sie sich besonderer Zeichen und Symbole, Grußworte und Handgriffe – wie heute noch die reisenden Zimmerleute.

Mit dem Ende der großen Kirchenbauten – nach dem großen Brand von London, das der Architekt Christopher Wren aufbaute – kam es in England und Schottland im Verlauf von vielleicht etwa 20 oder 30 Jahren zu einem in der Kulturgeschichte einmaligen Phänomen: In die Organisationen der Bauleute wurden zunehmend Bürger und Adelige, darunter viele Philosophen und Naturwissenschaftler, aufgenommen, die mit dem Bauhandwerk nichts zu tun hatten. Sie wurden als „angenommene“ Maurer gleichberechtigte Mitglieder.

In diesem Prozess der „Unterwanderung“ wandelten sich die Logen zu einer im symbolischen, im geistigen Sinn bauenden Bruderschaft.

Zuzugeben ist allerdings, dass wir eigentlich kaum historisch belegbare Kenntnisse über diese Unterwanderung haben – sie hat sich trotz ihres doch großen Umfangs nur in wenigen Dokumenten niedergeschlagen. Es ist offensichtlich, dass viele unserer Symbole aus dem Bauhandwerk, und hier besonders aus dem der Steinmetzen stammen. Es ist auch sicher, dass es Logen im Sinne handwerklicher Organisationen Jahrhunderte vor dem „Urknall“ gab. Es gibt viele Einzelinformationen – aber kein historisch belegtes Gesamtbild. Die meisten dieser Gesamtbilder sind historische Kolportagen.

Weil wir so wenig wirklich wissen, ist die Entstehungsgeschichte der Freimaurerei immer offen gewesen für Projektionen. Im Vordergrund stehen die Templer, deren Orden 1314 mit der Hinrichtung ihres letzten Großmeisters zugrunde ging – seit dem 2. Drittel des 18. Jahrhunderts bis heute wird immer wieder an der Entstehung der Frm. aus den Templern gefeilt. Darüber gibt es wunderbar zu lesende Bücher – aber gehen Sie davon aus: es sind Geschichten, nicht Geschichte, nicht anders als die spannenden Romane eines Dan Brown.

Licht der Aufklärung

Es kann kein Zufall sein, dass die Logengründungen und Logenumwandlungen sich vor dem Hintergrund des Aufbaus der Weltmacht England vollzogen. Dieser Bildhintergrund ist politischer Natur – denken Sie an die Bill of Rights, die Toleranzakte, die Stärkung des Parlaments, die endgültige Niederlage der katholischen Stuarts gegen die protestantische Hannover-Dynastie. Es ist aber auch ein wirtschaftlicher Hintergrund: eine aufblühende Wirtschaft, die Internationalisierung der Handelsbeziehungen, die Kolonisierung weiter Teile der Erde. Und es ist ein damit eng zusammenhängender rasanter Fortschritt in den Naturwissenschaften (Newton + 1727) .

Vor diesem politischen und wirtschaftlichen Hintergrund, der das Bürgertum zum Motor des Fortschritts machte, entwickelten Locke und Montesquieu ihre philosophischen und politischen Theorien, und in den nächsten Generationen folgte das Zeitalter der Aufklärung. In der englischen Sprache ist Aufklärung „enlightenment“, also die Beleuchtung oder Erleuchtung, im Französischen spricht man vom „siècle des lumières“, dem Jahrhundert der Lichter. Das Licht aber ist eines der zentralen Symbole der Freimaurer: dem neu Aufgenommenen wird in der Loge „das Licht gegeben“. In der Mitte des Logenraums stehen Lichter auf drei Säulen. Die Loge ist nach Osten ausgerichtet, auf den Aufgang der Sonne hin.

Es ist eigentlich eine unzulässige Verkürzung, wenn ich diese Lichtsymbolik nur auf die Aufklärung beziehe, die den Menschen „ein Licht aufsteckte“. Denn in den Freimaurerlogen laufen viele Strömungen zusammen, manche Symbolstränge, die schon aus der Antike stammen. Und so ist das Licht natürlich auch ein mystisches Symbol für die Geburt, eine neue Geburt, wenn ich dem Aufgenommenen, der bis dahin blind ist, das Licht gebe, ein Symbol auch für die moralische Erneuerung. Aber das 18. Jahrhundert wird das Licht der Loge im großen und ganzen schon als Symbol einer neuen Geisteshaltung und einer neuen Zeit gesehen haben.

Aufklärung II

 1723 gab sich die gerade entstandene Großloge ein Grundgesetz, die „Alten Pflichten“, die noch heute für die Freimaurer eine hohe Bedeutung haben. Dort heißt es:

Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.

Hier finden wir die damals wie heute gültigen Grundsätze des Freimaurerbundes: Religiosität ohne dogmatische Bindung, Toleranz und Achtung gegenüber Andersdenkenden, eine an sittlichen Normen orientierte Lebensführung und schließlich der Brückenschlag zu Menschen, die „einander sonst ständig fremd geblieben wären“, ein Brückenschlag, der für mich zum wichtigsten der Freimaurerei überhaupt gehört.

So ist die Freimaurerei ein Kind der Aufklärung: Über alle trennenden Schranken hinweg strebten Männer in eine Gemeinschaft, um eine moralische Internationale zu bilden. Unter dem Prinzip der Gleichheit aller Menschen fanden sich Adelige und Bürger auf einer Plattform, auf der die ständischen Unterschiede eingeebnet wurden. Die Logen bildeten einen inneren Bereich, der dem Einfluss der Kirchen und den Zugriffen des Staats weitgehend entzogen blieb.

Die Logen und ähnliche Assoziationsformen, wie Clubs und Lesegesellschaften, waren Vorbereiter politischer Gemeinschaften, obwohl oder gerade weil in ihren Reihen über Religion und Politik nicht diskutiert werden durfte. Aber sie schufen eine Plattform, auf der sich Menschen verschiedener Herkunft, aber ähnlicher Auffassungen treffen und ihre Meinungen austauschen konnten. Sicher waren sie auch das, was heute noch den Freimaurern wie den Rotariern als Kehrseite von denen vorgeworfen wird, die ihnen nicht angehören: es waren Netzwerke, die Verbindungen herstellten und soziales Ansehen vermittelten.

Die Logen also als Keimzellen und Hort der Aufklärung, der geistigen Selbstbefreiung des Menschen. Männer wie LessingGoetheWieland, Herder, Friedrich der Große, Voltaire, Hardenberg und Stein, Mozart und Haydn, Washington, Bolívàr, Garibaldi, Lafayette verwirklichten vieles von dem, was der Freimaurerbund sich zum Ziel gesetzt hatte, und gaben selbst dem Bund Richtung und Ziele vor.

Ein buntes Bild

Natürlich ist die Freimaurerei des 18. Jahrhunderts nicht dieselbe wie die heutige. Es gibt verschiedene zeitabhängige Strömungen, teils nur noch von historischem Interesse, und es gibt eine deutliche geografische Entwicklung.

Dazu muss man wissen, dass es in der Freimaurerei keine Orthodoxie gibt – übrigens wie im Judentum, obwohl ich ungern religiöse Parallelen ziehe, denn die Freimaurerei ist keine Religion – immerhin ist sie aber eine Einstellung zur Welt und auch zum Geistigen, die solche Parallelen nahe legt.

Keine Orthodoxie soll heißen: es gibt kein Amt, das definiert, was denn Freimaurerei sei. Allerdings gibt es die einzelnen Großlogen, die gewisse Grenzen definieren für das, was sie innerhalb ihres eigenen Bereichs als Freimaurerei ansehen, manche sehr eng, manche – wie unsere Großloge – eher liberal und ungenau. Diese Grenzen stimmen in vielen, aber nicht in allen Punkten überein. Wo keine Orthodoxie ist, herrscht Heterodoxie, also eine große Bandbreite an Anschauungen. Das heißt: Über die Prinzipien der Freimaurerei – Humanität, Toleranz, Brüderlichkeit – kann es keine Differenzen geben, auch nicht über die freimaurerische Methode, das Ritual.

Wohl aber kann man – so eine Richtung – die Freimaurerei als Bewahrerin überkommener Symbole ansehen, man kann das Geheimnisvolle, den Mysterienbund betonen, den Weg zum Licht als Weg zur Erleuchtung ansehen, man kann geistesgeschichtliche Linien von der Antike bis zur Moderne ziehen und wird manches aus den Ritualen der Freimaurer hier ansiedeln. Es gibt also, ohne dass ich hier auf die Details eingehen kann – aus Zeitgründen, nicht aus Gründen der Geheimhaltung – eine eher irrationale, mystische und romantische Komponente der Freimaurerei, die sich eigentlich nicht mit dem Erbe der Aufklärung verträgt.

Es gibt ein schönes Beispiel dafür, wie im Geist eines einzelnen Menschen, eines Freimaurers, beide Stränge zusammenkommen können: Georg Forster war ein Naturforscher, der mit Captain Cook um die Welt segelte, fremde Völker, Tiere und Pflanzen erforschte und beschrieb – und doch stand er im Morgengrauen auf, um auf Sumpfwiesen nach der Sternschnuppenmaterie zu suchen, aus der sich der Stein der Weisen herstellen ließ.

Das andere Extrem ist eine Freimaurerei, die trotz des Verbots parteipolitischer und kirchlicher Diskussionen in den Logen aktiv als gesellschaftliche Formation in die politischen Fragen ihrer Zeit eingreift, wenigstens solche grundsätzlicher Natur. Ein Beispiel dafür ist das Engagement einer der französischen Großlogen, des Grand Orient, für das Prinzip des Laizismus, also die völlige Trennung von Kirche und Staat.

Das ist der traditionellen Freimaurerei allerdings fremd, sie lehnt deshalb den Kontakt mit dem Grand Orient ab. Die angelsächsischen Großlogen und die mit ihnen befreundeten Organisationen auf dem europäischen Kontinent bleiben dabei, dass ein Engagement des einzelnen Bruders in der Politik, in Berufsverbänden und wo auch immer man sich „einbringen“ kann, wünschenswert ist – aber es ist eben der einzelne, der seine Stimme erhebt, und nie die Loge oder Großloge als solche. So gut wie nie – denn es gibt natürlich Lebenssituationen, in denen Freimaurer nur einer Meinung sein können, wenn man etwa an Terror und Gewalt denkt. Aber das ist dann ja keine Besonderheit der Freimaurer – gegen Terror und Gewalt sind wir alle.

Das Amtszeichen des Meisters vom Stuhl – der Rechte Winkel
Das Amtszeichen des 1. Aufsehers – die Winkelwaage
Das Amtszeichen des 2. Aufsehers – das Senkblei

Der große Unterschied: Ritual und Symbolik

In der Tat – eigentlich sind wir doch auch alle für Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit. Und wenn die Logen sich Verantwortung, ethische und moralische Grundsätze auf die Fahnen geschrieben haben, so tun das ja andere, nicht kirchliche Organisationen ebenso, wie etwa die besonders berufsethisch und wohltätig orientierten Rotary- und Lions-Clubs, für Frauen Soroptimist und Zonta, alles Produkte des amerikanischen Pragmatismus in dem Sinne, dass nicht viel nach einer dies- oder jenseitigen Begründung des Handelns gefragt wird. Die Organisation wird gewissermaßen durch ihre eigene Existenz gerechtfertigt – eine Einstellung, die übrigens auch bei den Freimaurer-Organisationen in den USA zu finden ist. Die Problematisierung, nach dem Motto: Freimaurerei, woher, wohin, warum überhaupt – Dinge, von denen ich hier handele -, wird als fremd empfunden, „alteuropäisch“, würde Mr. Rumsfeld wohl sagen.

Also, auch andere Organisationen haben Ziele, die man ohne weiteres als gerecht und gut empfindet. Auch andere treffen sich zu internen Meetings und externen Vortragsveranstaltungen. Was ist denn nun der Unterschied zwischen ihnen und den Freimaurern?

Der Unterschied liegt in zwei Dingen: Das eine ist ein eher inhaltliches Merkmal, nämlich der ständige Appell des Freimaurerbundes an das einzelne Mitglied, ein besserer Mensch zu werden. Der Steinmetz muss den aus dem Steinbruch kommenden rohen Stein so formen, dass er in das Gebäude an der Stelle passt, für die er am besten geeignet ist. Ein sinnfälliges Beispiel dafür ist der Aufbau der Frauenkirche in Dresden – jeder Stein aus dem großen Haufen gehörte an eine bestimmte Stelle. So muss auch der Mensch an sich arbeiten, um seine Anlagen zu entwickeln.

Die Arbeit daran, eine weltweite Menschenfamilie zu erreichen, deren Mitglieder in gegenseitiger Achtung friedfertig leben, besteht nicht in Aufrufen, in Programmen und langfristigen Strategien. Es besteht vielmehr in der angestrebten Umwandlung des einzelnen Freimaurers zu einem Menschen, der friedfertig ist, der in seinem Verantwortungsbereich, in seinem Beruf und im Rahmen seiner Anlagen einen Beitrag zum „Tempelbau der Humanität“ leistet.

Und da liegt der zweite Unterschied: Diese Umwandlung wird unterstützt durch das Ritual. Im Prinzip ist das Ritual ein festgelegtes Gespräch zwischen dem Meister vom Stuhl und den beiden Aufsehern, verbunden mit bestimmten Handlungen, wie dem Entzünden von Lichtern, und meist ausgeübt, um einen Suchenden als Lehrling in die Loge aufzunehmen, ihn zum Gesellen zu befördern oder zum Meister zu erheben. Das Ritual enthält vieles, das aus unvordenklichen Zeiten zu uns gekommen ist, trotz der vielen Eingriffe, die es über sich ergehen ließ, und trotz der Unterschiede, die wir in den einzelnen Großlogen finden. Im Prinzip aber bleibt es sich gleich – die Loge wird geöffnet, die Beamten wiederholen bestimmte Fragen und Antworten, das Licht wird entzündet, der Aufzunehmende aus einer dunklen Kammer mit verbundenen Augen hereingeführt usw.

Warum usw.?? – nun, ich könnte Ihnen den Rest ebenso gut erzählen, aber ich will es nicht tun, weil es mir nicht gelingen kann, Ihnen zu vermitteln, welche Gefühle einen dafür auch nur einigermaßen empfänglichen Menschen ergreifen können, wenn er ein Teil dieser feierlichen Handlung ist. Wenn ich Ihnen erzähle, dass ich neulich eine Oper sah, in der ein Vogelmensch auftrat, in der ein Priester „In diesen heil’gen Hallen“ sang, wenn ich Ihnen dann noch ein paar Arien vorpfeifen und das Kostüm der Königin der Nacht beschreiben würde – dann müssten Sie mir immer noch nur glauben, dass Mozarts Zauberflöte ein großes und wunderschönes Kunstwerk ist, denn erfahren können Sie es nur, wenn Sie die Oper sehen und hören. Das ist ein Teil des berüchtigten frm. Geheimnisses.

Das Ritual lässt uns die brüderliche Gemeinschaft erleben. Es führt uns Ideale der Freimaurer buchstäblich vor Augen. „Wie sollen Frm. einander begegnen?“ fragt der Meister vom Stuhl den 1. Aufseher zum Ende des Rituals; der hebt sein Abzeichen hoch und sagt: „Auf gleicher Ebene, ehrw. Meister, auf der Winkelwaage.“

„Wie soll der Freimaurer handeln?“ fragt erneut der M.v.St., dieses Mal den 2. Aufseher, der sein Abzeichen hebt und erklärt: „Mit dem Senkblei in der Hand, ehrw. Meister.“

„Und auf dem rechten Winkel sollen sie sich trennen“, spricht der M.v.St. und zeigt sein Abzeichen vor; „so sind wir zusammengekommen, so wollen wir handeln, und so trennen wir uns nun; mögen wir uns alle so wiederfinden.“

Damit habe ich Ihnen doch noch ein wenig vom Ritual verraten – ich hoffe, Sie spüren in diesen Worten, ohne die Umgebung, in der sie gesprochen werden, ohne Bänder und Schurze, Kerzen und Säulen, etwas vom Ernst, Anspruch und Pathos der Freimaurerei.

Zum Ritual gehört die Symbolik der Freimaurer. Wer sich ein wenig mit Freimaurerlogen befasst, wird in vielen Buchtiteln, in jedem Bildband zumal auf Abbildungen der Symbole stoßen. Winkelmaß und Zirkel tragen die Freimaurer, die sich „outen“ wollen, am Revers. Setzwaage (oder Wasserwaage), das Senkblei (oder Lot), der 24-zöllige Maßstab und viele andere sind Werkzeuge aus dem Bauhandwerk – und Werkzeuge geistigen Bauens, indem sie symbolisch aufgeladen werden, wie der Maßstab als Symbol der Zeit. Viele andere Symbole stammen aus ferneren Zeiten und Schichten, wie etwa Sonne und Mond, Knotenschnur, Rose.

Ritual und Symbolik sind das Eigentliche, das Innerste der Freimaurerei. Auch wenn sie sich im Laufe der Zeit und in den verschiedenen Ausübungsformen geändert haben, sind sie das Typische, das Nicht-Zufällige. Sie bedürfen keiner Übersetzung: sie treffen das Herz, nicht den Kopf.

Postmoderne

Freimaurer in der modernen Gesellschaft – das heißt, bei Licht betrachtet, Freimaurer in einer postmodernen Gesellschaft. Wir stehen in einer Zeit des Umbruchs. Es ist zwar immer noch möglich, dass all das, was uns stresst und nervt,

  • diese ungewohnte Knappheit an finanziellen Mitteln des Staats,
  • das Umkippen der Aktienmärkte,
  • die aggressive Betonung von shareholder value und möglichst hohen Einkünften der in der obersten Ebene stehenden Menschen in jedem Beruf,
  • die Abschaffung der staatlichen Monopole,
  • die offenbar dauerhafte Arbeitslosigkeit einer großen Zahl von Menschen,
  • das Scheitern des Konzepts des multikulturellen Zusammenlebens,
  • die Bedrohung durch den Terrorismus,
  • die ständigen Neuerungen im Rechtssystem, nicht zuletzt durch die europäische Einigung,
  • die weltweite, aber inhaltlose Kommunikation –

und so weiter – das ist eine willkürlich aufgestellte und jederzeit zu erweiternde Liste -, – es ist möglich, dass dies alles vorübergeht und in seiner Bedeutung nur durch ein weiteres Problem der Postmoderne hochgepeitscht wird, nämlich durch die allgegenwärtigen Medien.

Aber es ist wohl nicht so einfach. Die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen ändern sich wohl auf Dauer. Mit ihnen ändern sich die Anschauungen der Menschen. Die Postmoderne ist im künstlerisch-kulturellen Bereich – wo der Begriff entstand – die souveräne Verfügung über jeden beliebigen Inhalt und jede beliebige Form, sozusagen die Kombination von Minirock und Mönchskutte, ohne dass ein eigener, einheitlicher Zeitstil entsteht.

Die Postmoderne als generelle Beschreibung der Zustandsformen heutiger Gesellschaften bringt bestimmte Änderungen mit sich, die von vielen als Ende der bürgerlichen Gesellschaft gesehen wird. Dabei muss man im Auge behalten, dass schon Lessing feststellte: Wie sich die bürgerliche Gesellschaft befand, befand sich allerorten auch die Freimaurerei, und umgekehrt.

Ich übernehme von Prof. Hans Hermann Höhmann, einem Freimaurer, engagiert im Projekt „Deutsche Freimaurerei der Gegenwart: Zur Wechselwirkung von postmoderner Gesellschaft und bürgerlicher Geselligkeit“ an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld, einige Definitionen:

Postmoderne ist „eine Veränderung von Glaubenssystemen, Wertorientierungen und Lebensstilen im Sinne einer immer heterogener, unverbindlicher und flüchtiger werdenden Multioptionsgesellschaft… Moralische Haltungen und ethische Begründungen sind in Misskredit geraten.“ Die Postmoderne ist auch eine „Veränderung von Wahrnehmungen und Interessen im Sinne einer Erlebnisgesellschaft“ – das spektakuläre Event steht im Vordergrund. Sie ist weiter eine „Umstrukturierung und Neuformierung“ der Gesellschaft, insbesondere in der Arbeitswelt, also gerade die für uns alle offensichtlichen Brüche, von denen ich eben ein paar aufzählte.

Die Postmoderne ist also einerseits ein Kind der Aufklärung (denn hinter die Aufklärung können wir nicht zurück), indem sie vormalige Gewissheiten auflöst, dem menschlichen Subjekt die beliebige Entscheidung überlässt – und sie steht zugleich in Opposition zur Aufklärung, weil sie jede Welterklärung für gleichwertig hält und jede moralische Entscheidung für vertretbar.

Uns Freimaurern sollten dabei allerdings die Ohren klingeln, denn die Souveränität des Subjekts, die Selbstverwirklichung des Menschen, die Gleichwertigkeit der Religionen und dass der Weg wichtiger ist als das Ziel – all das sind Ansätze der freimaurerischen Lebensanschauung.

Obwohl wir also selbst die Paten solcher Entwicklungen sein können, haben wir – mit anderen Assoziationen – doch darunter gelitten. Der Unwille der Menschen, sich auf längere Zeit verbindlich zu engagieren, ist groß – und die Freimaurerei ist ja doch im Entwurf als Lebensbund angelegt. Unter diesem Unwillen leiden die Parteien, aber auch die Service-Clubs. Viele Menschen möchten gern einen interessanten Vortrag in der Loge hören, oder sich mal mit jemandem zusammensetzen – aber fast jeden Donnerstag um 20 Uhr ins Logenhaus oder alle Monate einmal zur Sitzung ihres Ortsvereins zu gehen, das ist ihnen zu „stressig“.

Es ist aber durchaus möglich, dass wir vor einem Ende der Postmoderne stehen. Es scheint mir doch so zu sein, dass die Postmoderne ein Erzeugnis des wirtschaftlichen Überflusses war. Sie gehörte doch eher den Young Urban Professionals als dem bürgerlichen Durchschnitt.

Zeichen für dieses Ende sind z.B. die Reformdiskussion der letzten Jahre, nicht nur hier in Deutschland, und die klarere Definition der Grenzen der Toleranz. Solche Definitionen gibt es im Kopftuchstreit, es wird sie aber – da bin ich sicher – auch in anderen Bereichen geben. Denken Sie an die Schule – vor ein paar Monaten las ich in der FAZ am Sonntag in einem auch ansonsten lesenswerten Artikel eines Dortmunder Hochschullehrers, Gerd Held: „Vom Hoheitsgebiet der Aufklärung ist die Schule hierzulande… umgebaut worden in eine Art Dienstleistungsagentur für die individuellen Biografien der Schüler. Deutschland hat immer größere Schwierigkeiten, im Unterricht die Bedeutung positiven Wissens und harter Regeln von Naturwissenschaften oder Sprachen durchzusetzen…“

Es ist nicht einmal so wichtig, ob es tatsächlich Bestrebungen gibt, die von der postmodernen Beliebigkeit weg wollen – wichtig ist erst einmal, dass solche Ziele ausgesprochen und auf breiter Fläche publiziert werden.

(Nebenbei und sicherheitshalber: Ich drücke hier nicht irgendwelche spezifisch freimaurerischen Meinungen aus und schon gar nicht offiziöse Einstellungen der frm. Organisationen – solche Einstellungen gibt es ja nicht.)

Der Ort der Loge heute

Weil wir, wie ich überzeugt bin, am Ende einer Umbruchzeit stehen, in der die neuen Strukturen noch nicht dingfest zu machen sind, vielleicht auch über eine lange Zeit Strukturlosigkeit und pragmatischer Umgang mit den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Forderungen des Tages unser Los sein werden, ist es schwer, den Platz zu definieren, den Vereinigungen im Dienste einer Idee im allgemeinen und Freimaurerlogen im besonderen einnehmen werden.

Wenn wir alle überzogenen Ansprüche einer Menschheitsbeglückung, Bruder Lessings Traum von einer Weltrepublik und die uns in unserer Begeisterung manchmal unterlaufende Verwechslung von Schein und Sein beiseite lassen, dann bleibt ein Minimalprogramm, das sich gut sehen lassen kann. Die Loge ist der einzige Verein, den ich kenne, in dem das private Zusammensein mit anderen Menschen nicht nur zu Gesprächen über den letzten Urlaub und das teure Essen im Restaurant führt, sondern zu Debatten darüber, woher wir kommen, wohin wir gehen, und wie unser Weg dazwischen aussieht. Die Loge richtet einen ständigen geistigen Anspruch an ihre Mitglieder – den braucht man nicht zu jeder Zeit zu erfüllen, aber das ändert am Anspruch und Anstoß nichts.

Die Loge stellt, zweitens, als einzige Assoziation ihrer Art, den materiellen und geistigen Raum der Besinnung und der gegenseitigen Einstimmung zur Verfügung, den wir als Ritual bezeichnen. Die Loge ist, drittens, als Generator dessen, was die Engländer „good will“ nennen, in dieser Allgemeinheit unübertroffen (die Service-Clubs übertreffen die Freimaurer materiell bei weitem, was Wohltätigkeit angeht). Zu diesem „good will“ gehören Bürgersinn, die Förderung des Gemeinwesens etwa durch den Einsatz in gemeinnützigen Organisationen, das Einfordern „ethischer und moralischer Grundsätze und die Mahnung vor Gleichgültigkeit und Menschenverachtung“ (wie es unser derzeitiger Großmeister Jens Oberheide vor kurzem formulierte).

Frau Prof. Gesine Schwan, die für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert hatte, sagte letztes Jahr in einem Interview gesagt: Die Reformdebatte muss mit einer Wertedebatte verbunden werden; es muss Solidarität zwischen Generationen und Geschlechtern geben, und Gerechtigkeit. Wir brauchen eine funktionierende Zivilgesellschaft. Nichtregierungsorganisationen (non-government organisations) müssen „als Mahner und Vertrauensträger helfen, die gesellschaftlichen Koalitionen zu bilden“. Zu diesen non-government-Organisationen möchte ich gern auch die Freimaurer zählen.

Kurzdefinitionen – aber eigentlich Lebenskunst

Vor mehr als 100 Jahren definierte das „Allgemeine Handbuch der Freimaurerei“: „Freimaurerei… ist die Thätigkeit engverbundener Männer, die unter Anwendung sinnbildlicher, größtenteils dem Maurerhandwerk und der Baukunst entlehnter Formen für das Wohl der Menschheit wirken, indem sie sich und andre sittlich zu veredeln suchen, um dadurch einen allgemeinen Menschheitsbund herbeizuführen, den sie unter sich im Kleinen bereits darstellen wollen.“

So hat man sich damals eben ausgedrückt, die „Selbstveredlung“ war ein typisch deutsches Wort, das die Freimaurerei noch nach der Verbotszeit 1933-45 und ihrer Wiedergründung nach 1945 begleitete.

Der derzeitige Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, Prof. Klaus Horneffer, schlug als Kurzdefinition vor:

Der Bund der Freimaurer ist ein weltweiter Männerbund, der eine adogmatische Kultusgemeinschaft bildet.“

Will heißen:

Freimaurer gibt es überall in der Welt, allerdings in einzelnen Logen und Großlogen, die regional und landesweit tätig sind. Eine zentrale Organisation gibt es nicht.

Die Freimaurer bilden einen Bund, nämlich einen Lebensbund, auch wenn man natürlich die Mitgliedschaft jederzeit aufgeben kann. Das Erlebnis der Aufnahme aber bleibt. In ihm sind alle Freimaurer in der Welt verbunden. Die Freimaurer sind ein Bund von Männern – nun ja, natürlich bestehen keine prinzipiellen Hindernisse, dass Frauen die Freimaurerei betreiben, und es gibt auch tatsächlich Frauenlogen. Aber aus Gründen der Tradition und der Psychologie bleibt die Mainstream-Freimaurerei den Frauen verschlossen.

Die Freimaurer bilden eine Kultusgemeinschaft – das ist der Kern der Freimaurerei (nicht zu verwechseln mit einem „Kult“). Das Ritual der Freimaurer, das in ihren Arbeiten gepflegt wird, demonstriert den Sinnen des aufnahmebereiten Menschen Brüderlichkeit, die Gemeinschaft der Menschen, kurz das, was eben die Aufgabe unseres Bundes ist: die Bildung der brüderlichen Gemeinschaft, und der Appell an den einzelnen, an sich selbst und in der Gemeinschaft zu arbeiten. Unsere Gemeinschaft ist adogmatisch, denn es gibt keine Lehrsätze, es gibt nicht einmal ein Lehramt, das bestimmte gedankliche Ausgangspunkte vorgäbe. Wir haben bestimmte Überzeugungen, die sich in Schlagworten wie Humanität, Brüderlichkeit, Toleranz niederschlagen, und ich denke, dass der Glaube an die Möglichkeit zur Verbesserung dieser Welt und der in ihr lebenden Menschen zu diesen Überzeugungen gehört. Aber was das im einzelnen bedeutet, das auszudeuten ist der einzelne Freimaurer frei.

Das ist alles recht trocken dahergesagt, meine Damen und Herren. Es ist in Wirklichkeit die gegenseitige Hilfe dazu, eine Lebenskunst zu entwickeln, und wie alle Kunst, so hat auch diese eine Begeisterung nötig und kann selbst Begeisterung wecken. Wie alle Kunst, so ist auch diese Königliche Kunst etwas Lebensnotwendiges und damit Ernstes, aber zugleich etwas Schönes und Spielerisches.

Wer der Freimaurerei beitritt, betritt ein großes Gebäude; er beginnt seinen Weg, im wahrsten Sinne des Wortes, in einem kleinen dunklen Zimmer; die Türen öffnen sich, die Binde fällt von seinen Augen und er steht im Glanz des Lichts und der Farben, angesprochen in einer festliche gebundenen Sprache. So öffnet dem Freimaurer jeder Fortschritt in seiner Königlichen Kunst neue Zimmerfluchten und neue Säle.

Am Schluss unseres Rituals sagt der Meister: Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt Euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst.

Zumindest diesen letzten Satz möchte ich an alle richten, die mir heute zugehört haben.

An dieser Stelle werden verschiedene Vorträge und Beiträge der Vergangenheit in loser Reihenfolge publiziert.

(Entnommen der Ausgabe 2/2005 der „Heimat Dortmund“,
Zeitschrift des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V. in Verbindung mit dem Stadtarchiv Dortmund)

Manch betagter Dortmunder mag den Hochbunker an der Landgrafenstraße / Wittelsbacherstraße noch aus Kriegszeiten kennen. Und der eine oder andere, inzwischen auch nicht mehr ganz so junge Dortmunder kennt den Bunker aus Friedenszeiten, als Musikclub der siebziger Jahre. Ansonsten galt er lange eher als Schandfleck: Nicht schön anzusehen und irgendwie nutzlos. Dass der Betrachter von außen heute allenfalls erahnen kann, dass hier ein ehemaliger Bunker steht, ist der Loge „Zur alten Linde“ zu verdanken, die hier ein neues Domizil gefunden hat und von der Idee besessen war, den ehemaligen Bunker zu einer zeitgemäßen Immobilie umzubauen.

Der alte Bunker an der Landgrafen- / Ecke Wittels-bacherstraße um 1996, vor dem Umbau durch die Loge Zur alten Linde

Der Betonkasten hat eine wechselvolle Geschichte. Im II. Weltkrieg wurde er als einer von 24 Hochbunkern in Dortmund gebaut. Ein Kubus aus meterdickem Stahlbeton, circa 20 x 20 Meter Außenmaß, drei Geschosse, davon eines unterirdisch. Bei Luftangriffen sollten hier 1500 Personen Schutz finden. Die Leidensgeschichten, die während des Krieges hier erlebt und erzählt wurden, sind leider nicht dokumentiert.

Nach dem Krieg wurde der Bunker vom gegenüber liegenden Telegrafenamt als Lager genutzt. In den siebziger Jahren zog die Kultur ein. Gut abgeschirmt von außen und in einer eher rustikalen Kneipe mit Kupferlampen und Holzschwarten fanden hier legendäre Konzerte statt.

Alles was in der Folk-, Gitarren- und Liedermacherszene Rang und Namen hatte und heute noch hat, trat damals auf: Werner Lämmerhirt, Leo Kottke, Sammy Vomacka, Manderley, Störenfried, Franz-Josef Degenhardt, Hans Dieter Hüsch, Hannes Wader, Fred Ape und viele andere. Ein Beobachter schrieb über eine dieser „Folknächte“ in den Ruhr-Nachrichten:

Im Bunker an der Wittelsbacherstraße war's am Samstagabend mal wieder eng wie in einer Sardinenbüchse. Die dritte „Folknacht“ ließ bei etlichen hundert jungen Leuten bis weit nach Mitternacht die qualmgeschädigten Augen tränen und Schweißperlen von der Stirn kullern. Obendrein trockneten ständig die Kehlen aus, weil dem Bunkerwirt genügend Gläser fehlten – der Alptraum jedes Gastronomen.

Keine Pannen gab’s beim Musikprogramm. Das stilistische Spektrum war breit gefächert und reichte vom Beatles-Song über kritische deutsche Liedtradition bis zum amerikanischen Folk-Rock und zu Bluegrass-Klassikern.“ Der Bunker – zwar kein Konzerthaus, aber eine beliebte Konzertstätte – schrieb Dortmunder Musikgeschichte.

Irgendwann verabschiedete sich die Kultur. Der Bunker gammelte vor sich hin. Niemand wusste so recht etwas mit dem Betonklotz anzufangen. Nur einmal noch wurde der Bunker zum Symbol. Die Dortmunder Friedensbewegung entdeckte ihn und veranstaltete am 10. August 1985 eine Bunkerbemalung. Friedensarbeit vor Ort hieß die Aktion, Graffiti für den Frieden. Danach war es erneut still um den Bunker.

1994, nach dem Ende des Kalten Krieges und als auch ein heißer immer unwahrscheinlicher wurde, hob man – wie es im Verwaltungsdeutsch heißt – die „Zivilschutzbindung“ für den Bunker auf. Er wurde – und mit ihm elf weitere Bunker in Dortmund – frei verfügbar. Und es begann – initiiert von der Freimaurerloge „Zur alten Linde“ – ein in Deutschland seltenes Konversionsprogramm: Der Umbau des Bunkers zu einem modernen Wohn- und Logenhaus.

Bereits Ende 1994 wurde das Thema „Neue Räume“ in der „Alten Linde“ erörtert. Denn die Jüdische Kultusgemeinde in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße in Dortmund erlebte durch den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion einen ungeahnten Aufschwung. Und das frühere Altersheim, in dem die Loge seit 1979 ihr Domizil gefunden hatte, wurde dringend gebraucht. Ein Vordenker schrieb bereits Ende Januar 1995 zum Thema „Neue Logenräume“: „Ausgelöst durch die neulich diskutierte Frage nach einer künftigen Bleibe für die „Alte Linde“ habe ich mir die Frage gestellt, ob angesichts der langfristigen Generationen überspannenden und gleich bleibenden Nutzung nicht eigene Räume geschaffen werden können?“ Die Frage fiel auf fruchtbaren Boden. Denn in fremde Räumlichkeiten hatte die Loge in der Vergangenheit bereits erhebliche Mittel investiert. Anfang 1996 folgten daher Anfragen an das Liegenschaftsamt der Stadt Dortmund, den Kirchenkreis Mitte und die Deutsche Bahn sowie einige Dortmunder Brauereien wegen einer geeigneten Immobilie. Ohne Erfolg.

Im Juli 1996 konnte man immerhin an die Stadt schreiben: „Wir haben inzwischen ein ungewöhnliches Kaufobjekt `in der Nase`, vielleicht wird es etwas.“ Es war der Bunker. Skeptiker gab es in den Reihen der Loge genug, darunter auch Fachleute. „Jetzt sind sie völlig übergeschnappt!“ hieß es gar aus Baden-Baden. Der Architekt und Bruder Dr. Klaus Hänsch (1942-2003, Freimaurer seit 1981) wurde zum entscheidenden Motor des ambitionierten und risikoreichen Projektes. Klaus Hänsch hatte Erfahrungen mit Um- und Anbauten von außergewöhnlichen Objekten. So hatte er in zum Beispiel in Dortmund die Rotunde des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte geplant sowie in Duisburg den Anbau des Wilhelm-Lehmbruck-Museums. Ein Fachmann also, beseelt von dem Gedanken, seiner Loge „Zur alten Linde“ nach vielen Jahren wieder eine dauerhafte Heimstätte zu schaffen.

Der Erwerb und Umbau des Bunkers sei ein „ähnlicher Meilenstein wie der Bau in der Victoriastraße,“ so der damalige und heutige Logenvorsitzende Arnim Schneider in einem Anschreiben an die Mitglieder der „Alten Linde“. Am 27. Februar 1997 erfolgte die grundsätzliche Zustimmung der Loge in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Mögliche wurde der Ankauf und Umbau aber erst durch eine umfassende Spendenakquisition unter den Mitgliedern der „Alten Linde“. Mit Erfolg. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung der Loge am 5. Juni 1997 konnte daher beschließen: „Der Vorstand wird ermächtigt, einen Kaufvertrag über das ausgebaute Obergeschoss des Gebäudes Landgrafenstr./ Wittelsbacherstr. mit einem Kaufpreis bis zu 400.000 DM zuzügl. üblicher Nebenkosten mit dem das Objekt erwerbenden Bauträger abzuschließen.“

Der Umbau des Bunkers zu einem Logenhaus stellte sich dann doch als schwieriger als heraus als erwartet. Beim Sprengen der Löcher für Türen und Fenster in den zwei Meter dicken Wänden zum Beispiel haben sich die Sprenger mal mit der Sprengstoffmenge vertan und ein paar Brocken sind etwas weiter geflogen als geplant. „Die Nachbarschaft hatte sehr zu leiden,“ resümierte Architekt Klaus Hänsch später.

Doch Wagemut und Opferbereitschaft, kombiniert mit Sachverstand und Beharrlichkeit, machten das fast Unglaubliche möglich: Im Jahr 2001, nach 65 Jahren, bekam die Dortmunder Freimaurerloge „Zur alten Linde“ wieder ein eigenes Logenhaus. Die feierliche Einweihung fand statt am 10. November 2001 durch unsren Großmeister, Professor Klaus Horneffer. 135 Jahre nach der Einweihung des Logenhauses der „Alten Linde“ in der Victoriastraße. Mit dabei waren Gäste aus 26 verschiedenen Logen, darunter aus Österreich und England.

Die Ruhr-Nachrichten schrieben über das neue Domizil: „Von innen beeindrucken die Logenräume in der ersten Etage. Riesige Rundbogenfenster sorgen für helles Licht im Saal mit den zwei Meter dicken Wänden. Drei Säulen mit lichtdurchfluteten Kapitellen verleihen dem Raum schlichte Eleganz. Für geheimnisvolles Flair sorgt schließlich ein farblich variabler elektrischer Sternenhimmel.“

Und Herbert Guntenhöner, Meister vom Stuhl der Loge im Jahr der Fertigstellung der neuen Logenräume, stellte damals fest: „Es hat durchaus symbolische Bedeutung, dass wir in einem ehemaligen Bunker einen solchen Ort für menschliche Begegnung schaffen.“

Auch in Kriegszeiten trafen sich im Bunker Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären. Sie suchten Schutz vor dem Bombenhagel, der auf Dortmund niederging, Schutz vor dem Tod. Heute ist der Bunker ein Ort eine Stätte menschlicher Begegnung und ethischer Bildung und Erziehung. Ein Schutzraum, ein geschützter Raum, ein Ort der Eintracht und Harmonie, des Friedens also. Und auch die Kultur zieht wieder ein in den ehemaligen Bunker: Jazz-, Lieder- und Opernabende, auch Gitarrenkonzerte im Rahmen der „Mommenta“, haben hier mittlerweile stattgefunden. Sogar ein bundesweites Treffen von Saxophon-Spielern und Spielerinnen, die hier kräftig in die geliebte „Kanne“ blasen konnten. Pegasus, das Musenpferd, ist also wieder angekommen im ehemaligen Bunker. Es fehlt, sagt so mancher, nur noch ein Wirt im Erdgeschoss.

Quellen- und Literaturverzeichnis:
„Dritte „Folknacht“ mit viel Musik: Biernachschub klappte nicht“, Presse-Artikel aus den siebziger Jahren
„Neue Logenräume eingeweiht“, in: Lindenblatt, Ausgabe 10, November 2001
„Bunker wird zum `Logenhaus`“, in: Ruhr-Nachrichten, 2001
„Sterne leuchten elektrisch: Freimaurer weihen neue Logenräume ein“, in: Ruhr-Nachrichten, 12. November 2001
„Nach mehr als 60 Jahren: Eigenes Domizil für Loge „Zur alten Linde“, Westfälische Rundschau, 20. November 2001
Schriftl. Auskunft von Kai Ohlenfeld vom 12.03.2005
www.vietze.de/kv-magazin-archiv.htm

15. Februar 2024

Rund 40-50 Teilnehmer kamen zum Gästeabend der Loge Zur alten Linde am 15. Februar, um dem äußerst lebhaften Vortrag von Dr. med. Bernd Schmude aus Frankfurt zu lauschen.

Dr. Schmude ist Schulmediziner, glaubt aber aus eigener Erfahrung, dass komplementäre Ansätze zur Stärkung des Immunsystems kolossal wichtig sind. Er selbst hatte Ende der 1990er Jahre eine Krebsdiagnose mit einer prognostizierten Lebenserwartung von noch drei Jahren bekommen. Er hat sich da heraus gekämpft, mit Optimismus, einem sehr starken Überlebenswillen und sicherlich auch Glück. Seitdem zieht er durchs Land und macht den Menschen Mut.

Eine positive, optimistische Lebenseinstellung, Bewegung (intensives Spazierengehen genüge bereits), bewusstes Essen ohne Selbstkasteiung und sogar Genuss in Maßen seien die besten Voraussetzungen, dass das Immunsystem des Körpers auch mit Krebszellen, die jeder Mensch durch „Programmierfehler“ immer wieder produziert, fertig wird. Dr. Schmude schloss mit der Feststellung, dass Lachen und auch schon nur Lächeln extrem förderlich sind.

Halböffentliche Veranstaltung der Loge Zur alten Linde am Sonntag, 21.1.24, 10:30 Uhr

Knapp 60 Zuhörer folgten unserer Einladung zur ersten Veranstaltung der neu aufgelegten Reihe „Im Gespräch mit…“, die zum letzten Mal vor rund 25 Jahren mit dem damaligen Oberbürgermeister Langemeyer, damals noch im 18. Stock des Harenberg City Centers, stattgefunden hatte.

Um 10:45 Uhr eröffnete der „Altstuhlmeister“ Arnim Schneider in Vertretung des erkrankten Wolfgang Lenz die Veranstaltung, begrüßte die Anwesenden und stellte die Gesprächsteilnehmer vor.

Polizeipräsident Gregor Lange war als erster unserer Einladung gefolgt. 75 Minuten stellte er sich den Fragen von zwei Brüdern. In einem sehr angenehmen Gesprächsklima ging es um die Herausforderungen, denen sich die Polizei in einer sich stark ändernden Welt stellen muss, aber auch um das Demokratieverständnis des Polizeipräsidenten. Er führte aus, dass vornehmste Aufgabe der Polizei tatsächlich die Verteidigung der Freiheitsrechte von uns allen ist. Gregor Lange verwies auf die Erfolge der Polizei in den letzten zehn Jahren, so ist die Zahl der registrierten Straftaten in diesem Zeitraum um 30% zurückgegangen.

Sonntag, 21.1.24, 10:30 Uhr

Durch die Verlegung unseres Neujahrsempfangs in den August ist im Januar eine Vakanz entstanden, die wir durch das Wiederaufleben-Lassen einer früheren Veranstaltungsreihe schließen.

Im Rahmen dieser wieder neu aufgelegten Reihe Im Gespräch mit… wollen wir Bürgerinnen oder Bürger unserer Stadt zu Wort kommen lassen, die etwas bewegen – in der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, dem Sports, den Religionen.

Am 21. Januar begrüßen wir dazu unseren Polizeipräsidenten Gregor Lange, der im 10. Jahr seiner Amtszeit ist. Seine Gesprächspartner werden neben unserem Vorsitzenden (dem „Meister vom Stuhl“) ein Stadtdirektor a.D. und ein Unternehmer und Buchautor aus Dortmund sein.

Dommerstag, 4. Jan. 2024, 19:00 Uhr

19:00 Uhr Sektempfang, Kanapées
20:00 Uhr Programm

Der Tango kommt aus den Slums, nicht vom Parkett. Wenn man das nicht mehr sieht oder spürt, dann ist er tot.“
Carmen Calderon

Wie nun schon seit etlichen Jahren lädt die Loge Zur alten Linde Schwestern, Brüder und Gäste zu ihrer Kulturveranstaltung Poesie und Musik zum Jahresauftakt in die Loge ein.

In diesem Jahr. ist das Programm außergewöhnlich: Von Astor Pianola wird die Tango Operita, wie er sie selbst bezeichnete, Maria de Buenos Aires in deutscher Sprache aufgeführt, die 2023 in Witten uraufgeführt worden war.