Drei ist die heilige Zahl der Freimaurer. Deshalb tritt die Gretchen-Frage, vor die sich viele Suchende, bisweilen aber auch Brr., gestellt sehen, in drei verschiedenen Gewändern auf: Ist die FM eine Religion? Wie stehen die Religionen zur FM? Wie steht die FM zur Religion? Ob es Gretchen nun vor der Maurerei ebenso grauen müsste wie vor Dr. Heinrich Faust, mögen die nachfolgenden Zeilen zeigen.

 

Ist die FM eine Religion?

 

Religion bezeichnet eine Erscheinung, die

  • einen besonderen Bezug des Menschen zu einem/mehreren tran­szendenten, heiligen Wesen in personaler Gestalt vermittelt und
  • aus dieser Beziehung bestimmte Verhaltensregeln zur Gottheit und zu den Menschen ablei­tet.

Die Religion macht also Ernst damit, dass sich der Mensch eine Frage ist, auf die er selbst keine Antwort geben kann. In der Religion erfährt sich der Mensch vielmehr ergriffen und getragen von einer höheren und umfassenderen Wirklichkeit des Heiligen und des Göttlichen.

  1. Von daher sind zwei Deutungsmöglichkeiten von Religion möglich:im Sinne von „religere“ (sorgsam beachten) als sorgsame Beach­tung eines Kults (Brau­ches) oder

  2. im Sinne von „religare“ (verbinden) als Mittel zur Verbindung zwischen Gott und den Menschen

Worum geht es nun in der FM? Ist sie als Religion im o. g. Sinne zu begreifen? Lassen wir unseren Blick zunächst in die Vergangenheit zu den Wurzeln der uns heute bekannten FM schweifen:

Durch den bedeutungsvollen Zusammenschluss der vier englischen Logen „Zur Gans und zum Bratrost”, „Zum Römer und zur Traube”, „Zur Krone” und „Zum Apfelbaum” zur „Großloge von London und Westminster” am 24.07.1717 entstand die erste reguläre Großloge der Welt.

Sie stellte den offiziellen Beginn der sog. „spekulativen” im Gegensatz zur „operativen” Freimaurerei dar. Erstere verbreitete sich sehr schnell über einen Großteil des europäischen Kontinents. Letztere ist u. a. über die mittelalterlichen Dombauhütten, Johanniterbruderschaften, vermutlich bis zu den Essenern zurückverfolgbar. Im Gegensatz zur sog. „operativen” Maurerei, die sich praktisch nur mit dem Errichten von sakralen Bauwerken befasste, will die Arbeit der „spekulativen” Maurerei auf umfassende Weise für echte Humanität und das Wohl der gesamten Menschheit „arbeiten”.

In Anlehnung an bereits vorhandene Statuten, so lautete der 1722 von der Großen Loge von London an Reverend James Anderson ergangene Auftrag, sollte dieser ein neues Konstitutionenbuch zusammenstellen. Schon 1723 erschienen die von ihm erstellten Konstitutionen im Buchhandel und waren für jeden Interessierten zu erwerben. Das erste Hauptstück der „Alten Pflichten“: „Von Gott und der Religion“ ist die bedeutsamste Grundlage der humanitären FM. Es lautet:

Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner noch ein bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugung sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“

Daraus hat der Freimaurerbund u. a. folgende Folgerungen für sich gezogen:

  1. Die FM ist eine Kunst; die Kunst, das menschliche Leben harmonisch zu gestal­ten; die Kunst, sich selbst ins richtige Verhält­nis zum Mitmenschen zu setzen.

  2. Der Freimaurerbund bezweckt die Pflege des Guten, Wahren und Schönen im Menschen.

  3. Der Freimaurerbund ist eine Vereinigung von Männern, die sich in dieser Kunst üben.

  4. Die FM erkennt die Existenz eines höheren Wesens, den „großen Baumeister aller Welten (G.B.a.W.)“ als Ver­körperung von Weisheit, Schönheit und Stärke an.

  5. Der Freimaurerbund achtet jede aufrichtige und selbstlose Überzeu­gung und verwirft die Verfolgung Andersgläubiger.

  6. Der Freimaurerbund fordert von seinen Mitgliedern, dass sie alle Menschen achten.

  7. Der Freimaurerbund fordert von seinen Mitgliedern, dass sie ein­ander zur Seite stehen.

  8. Der Freimaurer wertet einen Menschen nicht nach dem, was dieser ist oder hat, sondern nach dem wer dieser ist.

  9. Der einzelne Freimaurer soll außerhalb der Loge zum Träger der freimaurerischen Ideale werden.

  10. Der Freimaurer soll seiner freien Überzeugung folgen und dieselbe in Wort und Schrift zum Ausdruck bringen.

Ist die Freimaurerei (FM) deshalb als Religion zu betrachten? Im Sinne der sorgfältigen Beachtung eines Kults kommt man nicht umhin, dies zu bejahen: Die FM versucht nämlich die Beachtung der o. g. Prinzipien über Rituale bzw. rituelle Handlungen einzuüben. Insofern gibt es eine „sorgfältige Beachtung eines Kultes“.

Sobald es jedoch darum geht, sie als Vehikel zum Stiften einer Beziehung zwischen Gott und den Menschen eine Beziehung heranzuziehen und aus dieser Beziehung konkrete Pflichten für das Verhältnis der Menschen untereinander abzuleiten, wird man scheitern: Die FM nimmt für sich gerade nicht in Anspruch, den Menschen etwa über sakramentale Handlungen, eine unmittelbare Beziehung zu Gott herzustellen oder sonst einen irgendwie gearteten Zugang zu ihm zu schaffen. Warum ist dann aber von Gott bzw. dem G.B.a.W. die Rede? Dies geschieht aus regulativen Zwecken. Das heißt u. a. zu dem Zweck, eine Voraussetzung für ethisches Verhalten zu schaffen. Die Annahme des G.B.a.W als Urgrund von allem Sein ermöglicht erst eine sittlich gute Tat als „gut“ bewerten zu können. Der handelnde Mensch kann nur dann sittlich erscheinen, wenn es für ihn ein vernünftiges Prinzip der Weltenordnung, den G.B.a.W., gibt. Das Befassen mit der unsere Welt überschreitenden Wirklichkeit des Göttlichen und damit Allmächtigen befreit uns von den innerweltlichen Gottheiten, heißen sie Gewinn, technischer Fortschritt, Wohlstand, Konsum oder Geltungssucht. Ohne Anbindung an die Wirkmächtigkeit des Schöpfer-Wortes am Anfang aller Welt, verliert alles andere seinen Grund – Wissenschaft bleibt bloße Überlebenstechnik und Datensammlung, unsere Werte werden zu bloßen Optionen, beliebigen Präferenzen. Der Mensch in all seiner kreatürlichen Fehlerhaftigkeit macht sich selbst zum Maß aller Dinge und vergöttlicht sich. Hierin erschöpft sich der Sinn des G.B.a.W. in der FM. Es wird keine Gottheit in dem Sinne angebetet, wie man es aus (christlichen) Gottesdiensten kennt.

Anhand der praktischen Pflichten der FM kann man unschwer erkennen, dass es sich „nur“ um einen Lebensstil handelt:

  • Die brüderliche Gemeinschaft, kein System mit klaren Defini­tionen, weil diese ausschließen, abgrenzen. Die FM soll aber Brücken bauen, also das Ziel von Definitionen vermeiden.

  • Verlangt wird einzig eine allgemeine Übereinstimmung bezüglich der tragenden Begriffe, wie sie sich aus unserer christlich-jüdisch geprägten Kultur ergeben

So gelangt man zu dem für das scholastische, mithin klare Definitionen verlangende Denken unverständlichen Befund, dass kein klar umrissenes Dogma, nur gewisse Lebensregeln bestehen.

Die katholische Bischofskonferenz der Philippinen (CBCP) untersuchte vor einiger Zeit einmal die sog. „landmarks, laws, rules and rituals“ der dortigen GL einer mikroskopischen Untersuchung. Nach zwei Jahren berichtete sie dem Heiligen Stuhl wie folgt (sinngemäß), was eine sehr gute Zusammenfassung des Bisherigen darstellt:

  1. Die FM ist keine Religion, verlangt nur den Glauben an Gott und daran, dass Mensch seiner (Führung) bedarf.

  2. Die FM lehrt, dass es einen Gott gibt und dass der Mensch ver­schiedene Arten hat, sich an ihn zu wenden und ihn zu beschreiben (religiöse Freiheit).

  3. Der FM fehlen die grundlegenden Elemente für eine Religion, weil sie kein Dogma, keine Theologie und schließlich keine Heilslehre besitzt.

 

Wie halten es die Religionen mit der FM?

Diese Frage kann nicht auf einem Lindenblatt, sondern eher über einem Blätterwald unter der Gefahr, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen kann, beantwortet werden. Deshalb kann hier nur ein unvollständiger Versuch zur Klärung unternommen werden. Im katholischen Christentum existiert eine Unvereinbarkeitserklärung der Deutschen Bischofskonferenz, die jedoch nicht in allen Bistümern promulgiert wurde. Sie ist durch die Erklärung der Glaubenskongregation 1983 unmittelbar vor dem Inkrafttreten des c.i.c. gewissermaßen auf die ganze Welt ausgedehnt worden; sie ist deshalb (für die ganze Welt!) wirksam und maßgeblich. Allerdings wird ihre Rechtmäßigkeit von ernst zu nehmenden Kirchenrechtlern/Kardinälen bestritten. Selbst ihr Autor, Kardinal Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., hat gegenüber dem verstorbenen Kardinal König erklärt, dass er die Erklärung nicht gut zurücknehmen könne, aber der Auffassung sei, die Menschen von heute würden die Gegebenheiten von früher ohnehin anders bzw. viel objektiver beurteilen (Quelle: Kurt Baresch, „Katholische Kirche und Freimaurerei“, in: Erbe der Aufklärung, Linz 1999, S. 297). Hinzu kommt, dass durchaus regionale Unterschiede zu bestehen scheinen. Das heißt, dass das Thema FM BRD eher kritisch und ablehnend rezipiert wird: Die Unvereinbarkeitserklärung bedeutet, dass die Mitgliedschaft auf der moralischen (nicht auf der kirchlich-strafrechtlichen) Ebene missbilligt und als schwere Sünde angesehen wird. Das wiederum heißt aber auch, dass jeder Einzelfall besonders zu betrachten und nach Motivationslage etc. zu fragen ist. Trifft der Katholik die Gewissensentscheidung, dass er die moralische Missbilligung für Unrecht hält, wird man ihm kaum einen Vorwurf machen können. Hingegen scheint (zumindest früher) auf den Philippinen ein eher positives Verhältnis zu bestehen, was zumindest teilweise auch für die USA und Skandinavien gilt. Im christlichen Protestantismus bestehen generell keine Bedenken. Die anglikanische Kirche ist traditionell wohlwollend gegenüber dem Bund (viele Priester sind oder waren Brüder, Ehemann und Vater ihres Oberhauptes und große Teile der Familie sind es auch). Die Orthodoxie hingegen scheint der Freimaurerei eher ablehnend gegenüberzustehen. Insofern bestehen im Ergebnis Parallelen zum Islam. Wohingegen das Judentum in der Breite wohl keine Schwierigkeiten um Umgang mit der Maurerei hat.

 

Wie hält es die FM mit der Religion?

Die Alten Pflichten besagen Folgendes:

Der Maurer ist (…) weder ein engstirniger Gottesleugner noch ein bindungsloser Freigeist (…). In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

In Art. 2 Abs. 1 und 2 der Verfassung der Großloge der „Alten, freien und angenommenem Mauerer von Deutschland“ (13.05.1994) heißt es, dass die FM die Würde jedes Menschen achtet und für sie die Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit das höchste Gut sind. Beide Aussagen zeigen, dass erkennbar erlaubt, ja erwünscht ist, dass ein Freimaurer fest verwurzelt ist in einer Weltanschauung bzw. Religion. Dass er sie und ihren Anspruch an ihn zugunsten eines bindenden Relativismus aufgeben muss, ergibt sich daraus nicht. Ebenso wenig wird dadurch ein allgemeiner frm. Wahrheitsbegriff aufgestellt oder abgelehnt. Da die Würde des Einzelnen von jedem Bruder geachtet wird, umfasst dies auch die Achtung vor der aus der Vernunft gewonnenen persönlichen Überzeugung des anderen. Allein aus diesem Grund suspendiert er sein Urteil und versagt dem anderen seine brüderliche Anerkennung nicht. Aus dieser Verpflichtung zur Achtung der Ansicht des anderen folgt noch kann keine konkret-verbindliche relativistische Weltanschauung. Jeder Bruder sich also der Weltanschauung oder Religion anschließen, die ihm beliebt – solange ein ethisches Minimum gewahrt bleibt – und folglich auch an eine geoffenbarte Wahrheit glauben, wie es die Christen allgemein tun. Im Gegensatz zu einer Religion ist es nicht Aufgabe bzw. Selbstzweck, die Wahrheit zu vermitteln sondern lediglich zur individuellen Weiterentwicklung des einzelnen Bruders beizutragen.

Es gibt jedoch religiöse Wahrheiten, die jeder FM glauben soll:

  • die Existenz Gottes,

  • die Notwendigkeit ein gutes, sittliches Leben zu führen,

  • die Unsterblichkeit der Seele,

  • hierzu die Katholische Bischofskonferenz der Philippinen: „It is good – nay, obligatory – to believe those things. The error lies in the saying that they are the only truths worth believing”.

Dies zeigt, dass die FM nicht indifferent gegenüber Religion ist. Sie motiviert ihre Mitglieder eher sich aktiv in ihrer jeweiligen Religion zu betätigen. Die sittlichen Lehren der FM können aufgrund ihrer Allgemeinheit auch von allen Religionen akzeptiert werden. Nicht gewollt ist seitens der FM, damit eine Art „Überreligion” zu kreieren. Vielmehr ist die in den Alten Pflichten zum Ausdruck kommende Haltung im Lichte ihrer Entstehungsgeschichte zu betrachten. Der Text entstand zu Anfang des 18. Jahrhunderts, das immer noch sehr stark von den anhaltenden Religionskriegen (nicht zuletzt in England) beeinflusst war. Viele Menschen wollten sich diesen Streitigkeiten nicht länger aussetzen und diesen Unfrieden beenden. Deshalb ist diese Verpflichtung im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners zu verstehen, in dem die Religionen und Bekenntnisse der damaligen Zeit übereinstimmten. So stimmen etwa Juden, Christen, Hindus und Moslems darin überein, dass sie an ein göttliches Wesen, das die Welt erschaffen hat, glauben. Andererseits wird einem synkretischen (= Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen oder Philosophien) Religionsverständnis dadurch begegnet, dass festgelegt wird, jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.

In applauswürdiger Weise wird diese Haltung durch das Wappen der GL des Staates Israel verkörpert.

Die Frm. ist also eher eine Gemeinschaft von Gläubigen, denn eine Glaubensgemeinschaft. Folgerichtig ist auch in Art. 3 der Verfassung der GL AFAM festgelegt, dass die Frm. sich nicht als Glaubensgemeinschaft ansieht, sondern lediglich als Bund, der nach Humanität strebt. Ein französischer Bruder brachte es verkürzend auf den Punkt, indem er sagte: „Christ, Jude, Moslem oder Hindu sind nur die Vornamen. Der Familienname aber lautet ‚Mensch’ ”.

Im Gegensatz zu ihrem Heinrich, dessen Opfer sie auf seiner Suche nach dem Licht wurde, müsste Gretchen also vor der FM nicht grauen. Vielleicht würde sie sogar einer Frauenloge beitreten. Was wir davon zu halten haben, ist jedoch eine andere Frage …

 

 

William Blake: The Ancient of Days
Wappen der Großloge des Staates Is­rael